Quelle · 1642 · Kupferstich, Vogelschau-Vedute mit lateinischer Bauwerks-Legende A bis Z und 3 bis 8
Matthäus Merian d. Ä., Bamberg-Vogelschau in Cornelis Danckaerts, „Historis oft waerachtich verhael". Amsterdamer Kupferstich, 1642

Matthäus Merian, Bamberg-Vogelschau (Danckaerts-Historis, Amsterdam 1642)
Vogelschauperspektivische Stadtansicht Bambergs, gestochen von Matthäus Merian dem Älteren (1593 bis 1650) und verlegt bei Cornelis Danckaerts in Amsterdam. Erschienen 1642 im Kompilationsband „Historis oft waerachtich verhael van den gantschen toestant van oorlooge”, einer flämisch-niederländisch redigierten Kompilation zeitgenössischer Kriegs- und Städteberichte. Wikimedia Commons führt den Stich als „Dankaerts-Historis-9331”, digitalisiert aus dem Bestand der Peace Palace Library in Den Haag, unter CC0 Public Domain Mark.
Autorschaft: Merian d. Ä. als Stecher, Danckaerts als Verleger
Der Stich ist bei Wikimedia Commons wie in der Fachliteratur eindeutig Matthäus Merian dem Älteren als Kupferstecher zugeschrieben, nicht Cornelis Danckaerts. Danckaerts war Verleger und Kompilator des Bandes. Merian arbeitete zeitgleich an seiner eigenen „Topographia Germaniae”-Reihe in Frankfurt und lieferte parallel Stichvorlagen an andere Verlagsgemeinschaften. Der Frankonia-Band der Merian-Topographia (1648, siehe Merian/Zeiler) enthält eine andere Bamberg-Vedute; der hier vorliegende Stich ist eine eigene, früher datierte Fassung aus dem Danckaerts-Umfeld.
Inhalt der Vedute
Die Aufsicht zeigt Bamberg in schräger Vogelschau von Osten her. Die Regnitz mit ihren Inseln und Brücken dominiert die Bildmitte, im rechten Bildbereich die Altstadt mit Dom, Stiften und Klöstern, links unten die Altenburg auf ihrem Bergsporn, rechts oben der Michelsberg mit dem Benediktinerkloster. Eine umfangreiche Legende unten am Bild führt 47 Bauwerke auf, mit lateinischen Buchstaben A bis Z sowie 3 bis 8 durchnummeriert.
Altenburg als Nr. 4 „Aldenburgum”
Die Altenburg erscheint links unten als geschlossene Burganlage auf ihrem Bergsporn, mit einem zentralen hohen Turm und mehreren Eckbauten. Charakteristisch ist der geschlossene Mauergürtel, der schon im Apostelabschied 1483 und im Schedel-Holzschnitt 1493 in ähnlicher Form überliefert ist.
Michelsberg als Nr. B „Cenobium S. Michaelis vulgo Munßberg”
Rechts oben der Michelsberg mit dem Benediktinerkloster und seiner barocken Kirche, in der Vedute klar als zweiter prominenter Bergpunkt der Bamberger Stadtlandschaft erkennbar.
Stadtraum dazwischen
Zwischen Altenburg und Michelsberg führen die Wege durch felderartige Flächen am Stadtsüdhang, die im 18. Jahrhundert als ausgedehnte Weinbergsflächen dokumentiert sind. In der Merian/Danckaerts-Vedute erscheinen diese Flächen im Zustand des 17. Jahrhunderts.
Verlässlichkeit der Darstellung
Die Vedute ist keine Vor-Ort-Aufnahme, sondern gehört in die Merian-Werkstatttradition der niederländisch-oberrheinischen Städtebild-Produktion. Merian arbeitete typischerweise nach älteren Vorlagen und nach eigenen Reiseskizzen, die er in seiner Frankfurter Werkstatt zu Prospektstichen ausarbeitete. Der genaue Vorlagen-Nachweis für die Bamberg-Vedute steht aus.
Was bedeutet das für die Verlässlichkeit?
Verlässlich ist die topographische Grundordnung der Stadt: Regnitz mit Bergstadt im Westen, Inselstadt zwischen den Flussarmen, Gärtnerstadt im Osten. Die Lage der drei prominenten Hügelpunkte (Domhügel, Michelsberg im Norden, Altenburg im Süden) und ihre Distanz zueinander sind richtig wiedergegeben. Die Existenz und Stellung der Hauptklöster und Pfarrkirchen ist mit lateinischer Legende A bis Z und 3 bis 8 dokumentiert. Belastbar ist auch die Mauer-Umfasstheit der Altenburg.
Stilisiert und teils ungenau sind dagegen Häuserperspektiven, Größenverhältnisse, Dachformen und vor allem Turmtypen. Auffällig bei der Altenburg: der Stich zeigt eckige Türme und keinen runden Bergfried, obwohl der runde Bergfried (Butterfassturm) seit dem Apostelabschied 1483 und Schedel 1493 das durchgängige Erkennungsmerkmal der Altenburg ist und auch auf dem Kupferstich nach Werner um 1730 prominent in derselben Form erscheint. Die Merian-Vedute vereinheitlicht Burg-Topoi häufig mit eckigen Türmen, weil das die geläufige zeichnerische Konvention für „Burg” war. Der Stich ist deshalb für die Frage, wie die Altenburg im 17. Jahrhundert aussah, mit Vorsicht zu lesen.
Chronologische Einordnung
Die Merian/Danckaerts-Vedute liegt zeitlich zwischen Meisner 1623 und dem Augsburger Kupferstich nach Werner um 1730. Sie zeigt den Bauzustand der Altenburg im 17. Jahrhundert, also nach dem Markgrafenbrand 1553 und vor der Schönborn-Restaurierung 1743 bis 1746, allerdings in der Merian-Werkstattkonvention vereinfacht. Parallel existiert die spätere, andere Bamberg-Vedute in der Topographia Franconiae von Merian und Zeiler, 1648 erstmals erschienen.